Spatzen verschwinden: Warum Berlin so viele Haussperlinge verliert – und wie du helfen kannst
Stand: 10. September 2026
Ein vertrautes Tschilpen aus der Hecke. Ein kleiner Schwarm auf dem Gartenzaun. Ein frecher Vogel, der auf der Terrasse nach einem heruntergefallenen Krümel sucht. Für viele Menschen gehören Spatzen so selbstverständlich zum Alltag, dass sie erst auffallen, wenn sie fehlen.
Genau darüber machen sich Vogelschützer derzeit Sorgen. In Berlin werden erheblich weniger Haussperlinge beobachtet. Der plötzliche Einbruch lässt sich nach Einschätzung des NABU Berlin nicht allein mit den bekannten Problemen wie Nahrungs- und Brutplatzmangel erklären. Was dahintersteckt, ist noch nicht abschließend geklärt.
Für Gartenbesitzer und Naturfreunde stellen sich damit zwei Fragen: Wie dramatisch ist die Lage wirklich? Und was können wir tun, ohne vorschnell eine Ursache zu behaupten, die bisher niemand nachgewiesen hat?
Warum verschwinden die Spatzen?
Haussperlinge leiden vielerorts unter dem Verlust geeigneter Lebensräume. Doch beim aktuellen Berliner Rückgang greift diese allgemeine Erklärung offenbar zu kurz: Es gibt auch vorhandene, aber unbesetzte Niststätten. Neben Veränderungen des Lebensraums werden deshalb weitere Ursachen diskutiert, darunter Krankheiten. Eine wissenschaftlich bestätigte Hauptursache für den jüngsten Berliner Einbruch liegt in den ausgewerteten Veröffentlichungen nicht vor.
Spatzen verschwinden Infografik
Wie stark gehen die Spatzenbestände in Berlin zurück?
Die Warnungen stützen sich unter anderem auf die Mitmachzählungen des NABU. Dabei beobachten Menschen Vögel in Gärten, Parks, Innenhöfen oder vom Balkon aus. Die veröffentlichten Auswertungen zeigen deutliche Rückgänge.
Erhebung
Gebiet und Vergleich
Veränderung beim Haussperling
Stunde der Gartenvögel 2025
Berlin, gegenüber 2024
−28 %
Stunde der Gartenvögel 2026
Berlin, gegenüber 2025
−38 %
Stunde der Wintervögel 2026, Auswertung vom 15. Januar
Berlin, gegenüber 2025
−46 %
Stunde der Gartenvögel 2026, Endergebnis
Deutschland, gegenüber 2025
−9 %
Die Prozentwerte beziehen sich auf die jeweiligen Zählergebnisse. Sie stammen aus unterschiedlichen Erhebungen und dürfen weder addiert noch als unmittelbare Zählung sämtlicher in Berlin lebender Spatzen verstanden werden.
Was steckt hinter der Meldung von 70 Prozent weniger Spatzen?
In einem am 8. September 2026 veröffentlichten Bericht bezifferte der Biologe Jörg Böhner von der Berliner Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft den Rückgang gegenüber 2021 auf rund 70 Prozent. Für 2021 war ein Bestand von ungefähr 190.000 Brutpaaren hochgerechnet worden.
Diese Angabe betrifft einen anderen Zeitraum und eine andere Bestandsbewertung als die jährlichen Mitmachzählungen. Es handelt sich um eine öffentlich berichtete Einschätzung des Vogelkundlers, nicht um das Ergebnis einer einzigen Gartenzählung.
Aus einem Rückgang der geschätzten Bestandsgröße lässt sich zudem nicht einfach ableiten, wie viele einzelne Tiere gestorben sind. Dafür müsste bekannt sein, welchen Anteil geringerer Bruterfolg, erhöhte Sterblichkeit und Veränderungen der räumlichen Verteilung jeweils haben.
Warum gerade Berlin Fachleute vor ein Rätsel stellt
Berlin galt lange als vergleichsweise spatzenfreundlich. Umso auffälliger ist der jüngste Einbruch. Gegen eine einfache Erklärung sprechen zwei Beobachtungen: Andere häufige Singvögel zeigen vor Ort keinen vergleichbar starken Rückgang. Außerdem bleiben geeignete Brutplätze mancherorts ungenutzt.
Das bedeutet nicht, dass Nahrung und Nistplätze unwichtig geworden wären. Es bedeutet zunächst nur: Bekannte Belastungen erklären nicht automatisch jedes neue Rückgangsmuster.
Ein gedankliches Beispiel verdeutlicht den Unterschied. Verschwindet eine Spatzenkolonie unmittelbar nach einer Dachsanierung, liegt eine Untersuchung des Brutplatzverlustes nahe. Bleiben dagegen an verschiedenen Orten geeignete Nischen leer, obwohl sie unverändert bestehen, muss die Suche breiter werden.
Ein verantwortungsvoller Umgang mit solchen Beobachtungen besteht nicht darin, möglichst schnell einen Schuldigen zu benennen. Er besteht darin, zwischen dem beobachteten Rückgang und seiner noch ungeklärten Ursache zu unterscheiden.
Vogelmalaria: Eine mögliche Erklärung, aber kein Nachweis für Berlin
Zu den diskutierten Hypothesen gehört die Vogelmalaria. Sie wird durch bestimmte Blutparasiten der Gattung Plasmodium verursacht und durch Stechmücken übertragen. Eine Infektion führt nicht bei jedem Vogel zu einer sichtbaren Erkrankung, kann aber Gesundheit und Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.
Was eine Untersuchung aus London gezeigt hat
Eine 2019 veröffentlichte Studie untersuchte Haussperlinge aus elf Londoner Kolonien. Über drei Jahre wurden knapp 400 Tiere individuell markiert und auf Krankheitserreger untersucht.
Bei durchschnittlich 74 Prozent der untersuchten Spatzen wurde Plasmodium relictum festgestellt. Entscheidend war nicht allein, ob ein Vogel infiziert war: Eine höhere Infektionsintensität hing mit einer geringeren Überlebenswahrscheinlichkeit im Winter zusammen. Die Forschenden fanden damit Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Vogelmalaria und dem Rückgang der untersuchten Bestände.
Warum sich das Ergebnis nicht einfach übertragen lässt
Eine Untersuchung aus London beantwortet nicht automatisch die Frage, was in Berlin passiert. Dafür müssten Berliner Tiere untersucht und Gesundheitsdaten mit der Entwicklung ihrer Kolonien verknüpft werden.
Nach der Berichterstattung vom 8. September 2026 lag eine entsprechende Analyse für Berlin noch nicht vor. Vogelmalaria ist somit ein begründeter Forschungsansatz, keine bestätigte Diagnose des Berliner Spatzenrückgangs.
Auch ein aufgeplusterter oder schwacher Spatz lässt sich nicht anhand seines Aussehens als Vogelmalaria-Fall erkennen. Solche Krankheitszeichen sind unspezifisch und erfordern eine fachliche Untersuchung. Die bei Vögeln vorkommenden Malariaerreger sind von den Erregern der menschlichen Malaria verschieden; Menschen können sich bei einem infizierten Vogel nicht mit menschlicher Malaria anstecken.
Welche Probleme Haussperlingen grundsätzlich zu schaffen machen
Die offene Ursachenfrage sollte nicht dazu führen, bekannte Belastungen aus dem Blick zu verlieren. Schließlich brauchen Spatzen auch dann einen geeigneten Lebensraum, wenn zusätzlich Krankheiten oder andere Faktoren eine Rolle spielen.
Brutplätze verschwinden bei Sanierungen
Haussperlinge brüten häufig in Nischen und Hohlräumen an Gebäuden, etwa unter Dachpfannen oder in Mauerspalten. Werden diese bei Sanierungen verschlossen, gehen nutzbare Brutplätze verloren. Als gesellige Koloniebrüter können sie von mehreren passenden Nistmöglichkeiten an einem Standort profitieren.
Die praktische Konsequenz lautet nicht, notwendige Sanierungen zu unterlassen. Sinnvoll ist vielmehr, vorhandene Quartiere frühzeitig zu erfassen und geeignete Lösungen mit Fachleuten abzustimmen.
Jungspatzen brauchen mehr als Körner
Erwachsene Haussperlinge fressen vor allem Körner und Samen. Für die Jungenaufzucht spielen dagegen Insekten und deren Larven eine besonders wichtige Rolle. Ein gut gefülltes Körnerhäuschen ist deshalb nicht gleichbedeutend mit einer vollständigen Versorgung einer brütenden Spatzenkolonie.
Für einen vogelfreundlichen Garten lohnt sich daher ein Perspektivwechsel: Nicht nur die Frage „Welches Futter kaufe ich?“ zählt, sondern auch „Wo können sich hier Insekten entwickeln?“.
Dichte Hecken und wilde Ecken fehlen
Heimische Sträucher, blühende Wildkräuter und weniger intensiv gepflegte Gartenbereiche bieten Spatzen Nahrung und Versteckmöglichkeiten. Die Deutsche Wildtier Stiftung empfiehlt strukturreiche Gärten und den Verzicht auf chemische Schädlingsbekämpfungsmittel.
Ein Garten muss dafür nicht verwildern. Entscheidend ist, dass neben Wegen, Sitzplätzen und gepflegten Beeten auch Bereiche bleiben, in denen Pflanzen wachsen, Samen ausreifen und Tiere ungestört leben können.
Spatzen helfen: Was du im Garten und am Haus tun kannst
Du musst nicht auf die endgültige Klärung des Berliner Rückgangs warten, um sinnvoll zu handeln. Die folgenden Maßnahmen verbessern Lebensbedingungen. Sie sind allerdings kein Beweis dafür, dass sich damit jede Ursache eines Bestandsrückgangs beheben lässt.
1. Bewährte Rückzugsorte erhalten
Bevor du einen Strauch entfernst oder eine Hecke veränderst, beobachte sie einige Tage. Wird sie regelmäßig von einem Spatzentrupp angeflogen? Sammeln sich dort Vögel, bevor sie zur Nahrungssuche weiterziehen?
Eine bereits genutzte Struktur zu erhalten, kann sinnvoller sein, als sie zu beseitigen und später an anderer Stelle Ersatz zu schaffen. Dichte heimische Gehölze gehören zu den empfohlenen Maßnahmen für einen spatzenfreundlichen Garten.
Für die Planung ergibt sich daraus eine einfache Reihenfolge: Erst erkennen, was schon funktioniert. Dann gezielt ergänzen. Fotografiere beispielsweise den betreffenden Bereich vor einer Umgestaltung und notiere, welche Tiere du dort beobachtest.
2. Samenstände und Wildstauden zulassen
Nicht jede verblühte Pflanze muss sofort abgeschnitten werden. Wildstauden können mit ihren Samen eine Nahrungsgrundlage für körnerfressende Vögel bieten. Der NABU empfiehlt für den Haussperling ausdrücklich, die Ordnungsliebe im Garten an manchen Stellen etwas zurückzunehmen.
Ein guter Einstieg ist ein klar abgegrenzter Bereich am Beetrand. Dort lässt du ausgewählte, gesunde Pflanzen ausreifen, statt den ganzen Garten auf einmal umzugestalten. Ein gepflegter Weg und ein weniger streng aufgeräumter Saum müssen kein Gegensatz sein.
Wenn du ohnehin deinen Rasen nach dem Hitzesommer retten und erneuern möchtest, kannst du diese Gelegenheit für eine neue Aufteilung nutzen: Welche Flächen brauchst du tatsächlich als Rasen, und wo darf künftig ein Wildstaudensaum stehen bleiben?
3. Sauberes Wasser und ein Sandbad anbieten
Eine flache Wasserschale kann Vögeln als Trink- und Badestelle dienen. Stelle sie übersichtlich auf, nicht unmittelbar neben einem Gebüsch, aus dem sich eine Katze unbemerkt nähern könnte.
Wechsle das Wasser täglich und reinige die Schale gründlich, vorzugsweise mit heißem Wasser. Zwei wechselweise verwendete Schalen erleichtern die Pflege. Vernachlässigte Wasserstellen können die Übertragung von Krankheitserregern begünstigen.
Auch ein Sandbad ist möglich. Dafür genügt an einem geeigneten Standort eine flache Schale mit Sand. Vögel nutzen solche Staubbäder zur Gefiederpflege.
Wähle nur so viele Wasserstellen, wie du zuverlässig sauber halten kannst. Eine betreute Schale ist der bessere Anfang als mehrere vernachlässigte.
Ein Vogelhaus kann hübsch aussehen und trotzdem für Haussperlinge ungeeignet sein. Orientiere dich deshalb an einer fachlichen Bauanleitung oder an ausdrücklich für die Art vorgesehenen Nisthilfen.
Ein Spatzenhaus mit mehreren getrennten Brutkammern berücksichtigt, dass Haussperlinge gern in Nachbarschaft zu Artgenossen brüten. Eine entsprechende Bauanleitung findest du im Quellenabschnitt.
Betrachte einen neuen Nistkasten als Angebot, nicht als Erfolgsgarantie. Wird er nicht angenommen, solltest du nicht sofort weitere Kästen anschaffen. Prüfe zunächst Standort, Ausführung und Umfeld – möglichst mit fachkundiger Unterstützung.
Ein leerer Kasten allein beweist weder einen Bestandsrückgang noch eine Krankheit.
5. Fütterung ergänzend und hygienisch betreiben
Brot, salzige Speisereste und verdorbenes Futter gehören nicht an die Futterstelle. Sinnvoll sind Futterspender, bei denen die Vögel möglichst wenig mit dem Futter in Kontakt kommen und es nicht durch Kot verschmutzen können.
Während der Jungenaufzucht gelten zusätzliche Einschränkungen. Der NABU rät in dieser Zeit unter anderem von Fettfutter und Erdnüssen ab und empfiehlt möglichst kleine, fettarme Sämereien sowie geeignetes Insektenfutter. Natürliche Nahrungsquellen im Garten bleiben wichtig.
Die entscheidende Frage lautet nicht: „Wie locke ich möglichst viele Vögel gleichzeitig an?“ Sondern: „Wie betreibe ich die Futterstelle so, dass sie den Tieren nicht schadet?“
6. Nistplätze bei Bauarbeiten mitdenken
Stehen Arbeiten an Dach oder Fassade an, sollte vor Beginn geklärt werden, ob geschützte Lebensstätten betroffen sind. Wiederkehrend genutzte Niststätten können auch außerhalb der Brutzeit geschützt sein. Ein gerade unbesetzter Brutplatz darf deshalb nicht automatisch verschlossen oder entfernt werden.
Welche Untersuchungen, Abstimmungen und gegebenenfalls Genehmigungen oder Ersatzmaßnahmen erforderlich sind, solltest du rechtzeitig mit der zuständigen Naturschutzbehörde und fachkundigen Personen klären.
Für Eigentümer bedeutet das: Vogelschutz gehört in die Vorbereitung einer Baumaßnahme, nicht erst in die Diskussion, wenn das Gerüst bereits steht.
Spatzen verschwinden
Keine Spatzen mehr im Garten: So beobachtest du sinnvoll
Ein stiller Vormittag ist noch kein Nachweis dafür, dass eine Kolonie verschwunden ist. Wetter und Beobachtungsbedingungen beeinflussen, welche Tiere du erfasst. Aussagekräftiger wird dein Eindruck, wenn du nicht nur einen einzelnen Moment betrachtest.
Für den eigenen Garten kannst du ein kleines Beobachtungsprotokoll führen. Als praktischen Einstieg bieten sich zwei Wochen an, in denen du an mehreren Tagen möglichst zur gleichen Zeit jeweils eine Viertelstunde beobachtest. Das ist keine wissenschaftliche Bestandserfassung und ersetzt nicht die Regeln einer offiziellen Zählaktion. Es hilft aber, persönliche Eindrücke zu ordnen.
Notiere Datum, Uhrzeit, Wetter und die höchste gleichzeitig sichtbare Zahl der Spatzen. Ergänze Veränderungen im Umfeld: Wurde eine Hecke entfernt? Hat eine Baustelle begonnen? Ist eine bislang genutzte Futterquelle verschwunden?
Schreibe außerdem auf, was du tatsächlich gesehen hast, und trenne das von deiner Vermutung.
„Seit einer Woche bei vier Beobachtungen keine Spatzen gesehen“ ist eine Beobachtung. „Alle Spatzen sind an einer Krankheit gestorben“ wäre eine Schlussfolgerung, für die diese Beobachtung nicht ausreicht.
Der NABU Berlin bittet darum, ungewöhnliche Entwicklungen wie ein plötzliches Verschwinden ohne erkennbare Ursache zu melden. Je genauer Ort, Zeitraum und bisherige Beobachtungen beschrieben sind, desto besser lässt sich eine solche Mitteilung einordnen.
Was du bei kranken oder toten Spatzen beachten solltest
Findest du kranke oder tote Vögel an einer Futterstelle, solltest du die Fütterung unterbrechen und fachlichen Rat einholen. Auch eine Vogeltränke sollte bei entsprechenden Krankheitsfällen im Garten vorübergehend entfernt werden.
Berühre die Tiere nicht mit bloßen Händen. Ist ein Umgang nach fachlicher Rücksprache notwendig, verwende Handschuhe und wasche anschließend gründlich die Hände. Halte Kinder und Haustiere von Fundstellen fern.
Dokumentiere möglichst Fundort, Zeitpunkt und Anzahl. Ein Foto aus angemessenem Abstand kann bei der Rücksprache mit einer Wildvogelstation oder dem Veterinäramt helfen. Stelle keine eigene Diagnose und versuche nicht, Wildvögel auf Verdacht mit Medikamenten zu behandeln.
Gerade bei einem ungeklärten Rückgang sind sorgfältige Beobachtungen nützlicher als vorschnelle Erklärungen.
Was Vogelzahlen aussagen – und was nicht
Wer Schlagzeilen über verschwindende Spatzen liest, begegnet schnell verschiedenen Prozentwerten. Daraus entsteht leicht der Eindruck, die Angaben widersprächen sich. Häufig beschreiben sie jedoch unterschiedliche Dinge.
Eine Gartenzählung ist keine vollständige Bestandsaufnahme
Bei der „Stunde der Gartenvögel“ werden Beobachtungen aus Siedlungsräumen gesammelt. Die Aktion zählt nicht jedes in Deutschland lebende Tier. Ihr Wert liegt unter anderem darin, Entwicklungen über viele Orte und mehrere Jahre hinweg sichtbar zu machen.
Die richtige Konsequenz ist deshalb weder, Mitmachzählungen als bedeutungslos abzutun, noch jede Veränderung unmittelbar auf den gesamten Brutbestand zu übertragen. Frage bei jeder Zahl: Was wurde gezählt, wo wurde gezählt und womit wurde das Ergebnis verglichen?
Prozentwerte brauchen immer einen Bezug
Ein rein rechnerisches Beispiel: Sinkt ein Wert zunächst von 100 auf 80, entspricht das einem Rückgang um 20 Prozent. Sinkt er anschließend nochmals um 20 Prozent, landet er bei 64 – nicht bei 60.
Ebenso wenig darf ein Winterwert einfach mit einem Sommerwert zusammengerechnet werden. Für eine sinnvolle Einordnung müssen Zeitraum, Bezugsgröße und Erfassungsmethode zusammenpassen.
Ein volles Futterhaus beantwortet nicht jede Frage
Wenn zehn Spatzen an deinem Futterhaus sitzen, ist zunächst sicher: Zu diesem Zeitpunkt sind dort zehn Spatzen. Nicht sicher ist damit, wie viele Brutpaare im gesamten Viertel leben, wie erfolgreich sie Nachwuchs aufziehen oder ob der Bestand gegenüber früher gestiegen ist.
Umgekehrt beweist ein leeres Futterhaus an einem einzelnen Tag noch keinen Zusammenbruch. Diese Unterscheidung verhindert sowohl falsche Entwarnung als auch unnötige Panik.
Lebensraumschutz und Ursachenforschung ergänzen sich
Die Londoner Forschungsarbeit unterstreicht, dass die zugrunde liegenden Ursachen von Spatzenrückgängen weiter untersucht werden müssen und vermutlich mehrere Faktoren zusammenwirken. Krankheitsüberwachung und fortgesetzte Bestandserfassungen bleiben wichtig.
Für die Praxis folgt daraus: Es wäre falsch, wegen einer möglichen Krankheit auf Lebensraumschutz zu verzichten. Ebenso falsch wäre es, nach dem Aufhängen einiger Nistkästen die Ursachenfrage für erledigt zu halten.
Häufige Fragen zum Rückgang der Spatzen
Verschwinden Spatzen nur in Berlin?
Nein. Auch bundesweit zeigen die Mitmachzählungen rückläufige Meldungen. Bei der „Stunde der Gartenvögel“ 2026 wurde der Haussperling deutschlandweit neun Prozent seltener gemeldet als im Vorjahr. Der jüngste Berliner Rückgang fällt allerdings deutlich stärker aus.
Sind Spatzen und Haussperlinge dasselbe?
Mit „Spatz“ ist häufig der Haussperling gemeint. Daneben gibt es den verwandten Feldsperling. Bei der Bestimmung solltest du deshalb genauer hinsehen: Der männliche Haussperling trägt unter anderem einen grauen Scheitel und einen schwarzen Kehlfleck; Weibchen sind unauffälliger braun-grau gefärbt.
Ziehen Haussperlinge im Winter weg?
Haussperlinge sind Standvögel. Ein vollständiges Verschwinden aus einem bislang regelmäßig besuchten Garten lässt sich deshalb nicht einfach mit einem normalen Zug in ein südliches Winterquartier erklären. Kleinräumige Veränderungen ihrer Aufenthaltsorte sind davon zu unterscheiden.
Ein anderes Verhalten zeigen unsere Schwalben. Warum Schwalben sich im Spätsommer auf Leitungen und Dächern sammeln, erläutern wir in einem eigenen Beitrag. Die Unterscheidung hilft, normale jahreszeitliche Veränderungen nicht mit einem Bestandsrückgang zu verwechseln.
Hilft ein Nistkasten auch ohne großen Garten?
Ein passendes Spatzenhaus kann zusätzliche Brutplätze an einem Gebäude anbieten. Es ersetzt aber nicht das übrige Lebensraumangebot. Haussperlinge brüten gern in Nachbarschaft zu Artgenossen; deshalb sind geeignete Mehrkammer-Nisthilfen eine Möglichkeit.
Muss ich meinen Garten komplett umgestalten?
Nein. Beginne mit einer überschaubaren Verbesserung: einen genutzten Strauch erhalten, Wildstauden ausreifen lassen oder einen geeigneten Bereich weniger streng pflegen. Beobachte anschließend, wie sich die Nutzung deines Gartens entwickelt, statt alles gleichzeitig zu verändern.
Den Spatzen helfen, ohne das Rätsel vorschnell für gelöst zu erklären
Die entscheidende Botschaft ist zweigeteilt: Der Rückgang verdient Aufmerksamkeit. Seine Ursache verlangt weitere Untersuchung.
Für dich als Gartenfreund muss daraus keine Hilflosigkeit entstehen. Du kannst beobachten, vorhandene Lebensräume bewusster behandeln und kleine Verbesserungen zuverlässig umsetzen. Nicht jede Maßnahme muss spektakulär sein. Oft beginnt ein sinnvoller Beitrag damit, vor dem Abschneiden, Abräumen oder Verschließen noch einmal genauer hinzusehen.
Mach deinen Garten nicht nur zu einem Ort, an dem du Vögel sehen möchtest. Mach ihn zu einem Ort, an dem ihre Bedürfnisse bei deinen Entscheidungen mitgedacht werden.
Und hör in den nächsten Tagen einmal bewusst hin: Wo tschilpt es noch?
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