Otfried Preußler wäre am 20. Oktober 2026 103 Jahre alt geworden. Seine Bücher laden dazu ein, vertraute Figuren wiederzutreffen – und sich an die Menschen zu erinnern, die ihnen beim Vorlesen eine Stimme gegeben haben.
Vielleicht war es dein Vater, der beim Räuber Hotzenplotz besonders tief brummte. Vielleicht deine Großmutter, die vor einer spannenden Stelle eine Pause machte. Oder du hast die kleine Hexe zuerst allein gelesen, mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke. Welche Erinnerung auch auftaucht: Manchmal steckt in einem alten Kinderbuch weit mehr als die Handlung.
Da ist ein bestimmtes Zimmer. Eine Zeichnung, die du sofort wiedererkennst. Die Bitte um noch ein Kapitel. Wer später selbst vorliest, begegnet deshalb gelegentlich zwei Geschichten gleichzeitig: der gedruckten auf den Seiten und der eigenen, die damit verbunden ist.
Otfried Preußler: Ein Erzähler, der selbst zuhörte
Otfried Preußler wurde am 20. Oktober 1923 in Reichenberg geboren, dem heutigen Liberec in Tschechien. Seine offizielle Biografie beschreibt eine Kindheit, in der Bücher und mündlich erzählte Geschichten ihren Platz hatten. Seine Eltern waren Lehrer; sein Vater sammelte als Heimatforscher auch Sagen. Eine wichtige Erzählerin war seine Großmutter Dora.
Wie solche Erinnerungen weiterwirken können, lässt sich an der Entstehung seiner Bücher nachvollziehen. Nach Preußlers eigener Schilderung erzählte er seinen Kindern von einem Wassermann und versetzte ihn in einen Mühlenweiher, den sie kannten. Daraus wurden weitere Geschichten und schließlich Der kleine Wassermann.
Auch Die kleine Hexe führte er auf eine Situation in der Familie zurück: Seine Töchter äußerten vor dem Schlafengehen Angst vor bösen Hexen. Aus seinen Antworten entwickelte sich die Geschichte, die er später auch seinen Schulkindern erzählte und schließlich aufschrieb.
Der Weg führt also vom Zuhören zum eigenen Erzählen und weiter zum Buch. Beim Vorlesen setzt sich diese Bewegung fort: Ein gedruckter Text bekommt eine neue Stimme, neue Zuhörer und einen Platz in einem anderen Zuhause.
Otfried Preußler Infografik
Wenn ein Buch zu den Erinnerungen an Zuhause gehört
Ein abgegriffener Einband kann eine ganz persönliche Bedeutung haben. Vielleicht steht auf der ersten Seite eine Widmung. Vielleicht liegt zwischen den Blättern noch ein selbst gebasteltes Lesezeichen. Vielleicht ist es auch eine ganz neue Ausgabe, deren Bilder anders aussehen als die vertrauten von früher.
Zum Gefühl von Zuhause können solche Dinge ebenso gehören wie der Küchentisch oder ein Weg durch den Garten. Vor allem dann, wenn sie an gemeinsam verbrachte Zeit erinnern. Das Buch hält dabei nicht für alle dieselbe Erinnerung bereit: Während du an einen gemütlichen Abend denkst, erinnert sich dein Bruder womöglich vor allem daran, wie unheimlich ihm eine bestimmte Szene vorkam.
Regelmäßiges Vorlesen kann zu den kleinen Familienritualen im Alltag gehören. Ein Kapitel nach dem Abendessen, eine Geschichte am Sonntagnachmittag oder das gemeinsame Blättern beim Besuch der Großeltern: Solche Gewohnheiten brauchen keinen besonderen Anlass. Preußlers Geburtstag bietet aber eine schöne Gelegenheit, wieder damit anzufangen.
Vier Bücher von Otfried Preußler zum Wiederentdecken
Welche Figur dir besonders nah ist, hängt von deiner eigenen Lesegeschichte ab. Die folgenden vier Bücher eröffnen unterschiedliche Wege zurück zu Preußler. Die Gesprächsfragen sind Einladungen zum Weitererzählen; sie brauchen keine richtige Antwort.
Die kleine Hexe: Was heißt es, eine gute Hexe zu sein?
Die kleine Hexe erschien 1957. Ihre Hauptfigur möchte bei den großen Hexen dazugehören und mit ihnen auf dem Blocksberg tanzen. An ihrer Seite steht der Rabe Abraxas. Die Frage, was eine „gute“ Hexe eigentlich ausmacht, führt mitten hinein in die Geschichte.
Beim Wiederlesen lässt sich darin eine Spannung entdecken, die auch Erwachsene beschäftigt: dazugehören wollen und zugleich selbst entscheiden, welches Verhalten richtig ist. Das ist eine mögliche Lesart des Buches. Ebenso darf man sich einfach an den Einfällen der kleinen Hexe und ihrem eigensinnigen Begleiter freuen.
Vielleicht erinnerst du dich besonders an Abraxas. Dein Kind findet womöglich eine ganz andere Figur interessant. Lass dich davon überraschen.
Eine Frage fürs gemeinsame Lesen: Welche Entscheidung der kleinen Hexe gefällt dir – und was hättest du an ihrer Stelle gemacht?
Der Räuber Hotzenplotz: Ein Abenteuer beginnt mit einer Kaffeemühle
In dem 1962 erschienenen Räuber Hotzenplotz stiehlt der Räuber die Kaffeemühle der Großmutter. Kasperl und Seppel nehmen die Verfolgung auf und geraten dabei auch an den Zauberer Zwackelmann.
Der Ausgangspunkt ist bemerkenswert handfest: ein Gegenstand aus dem Alltag, dessen Verlust jemanden ärgert und traurig macht. Daraus wächst ein Abenteuer mit Räuber, Zauberer und zwei Verfolgern, die sich einiges einfallen lassen müssen.
Beim Vorlesen kannst du mit Stimmen spielen, Pausen setzen oder einfach in deinem gewohnten Ton erzählen. Eine besonders polternde Räuberstimme ist eine Möglichkeit. Genauso gut darf der Humor aus den Sätzen selbst kommen.
Eine Frage fürs gemeinsame Lesen: Welcher Gegenstand wäre dir so wichtig, dass du ihn unbedingt zurückhaben möchtest?
Der kleine Wassermann: Eine ganze Welt in einem Weiher
Der kleine Wassermann erschien 1956. Der neugierige Wassermannjunge erkundet den Mühlenweiher und entdeckt auch die Welt außerhalb des Wassers. Zu seinen Freunden gehört der Karpfen Cyprinus.
Für einen Heimatwurzel-Leseabend bietet dieser Schauplatz einen schönen Anknüpfungspunkt. Vielleicht gibt es bei euch einen Teich, einen Bach oder einen Graben, an dem ihr oft vorbeikommt. Nach dem Lesen könnt ihr darüber sprechen, wie diese vertraute Umgebung aus der Sicht einer erfundenen Figur aussehen würde.
Dabei darf die Fantasie die Richtung vorgeben: Wo wäre ihr Haus? Wen würde sie besuchen? Welche Stelle wäre für sie ein weiter Weg? So kann aus der gelesenen Geschichte ein eigenes kleines Gedankenspiel entstehen.
Eine Frage fürs gemeinsame Lesen: Wo würde ein kleiner Wassermann bei uns wohnen?
Das kleine Gespenst: Der Wunsch, die Welt bei Tag zu sehen
Das kleine Gespenst erschien 1966. Seine Hauptfigur lebt auf Burg Eulenstein und möchte die Welt einmal bei Tageslicht kennenlernen. Als dieser Wunsch wahr wird, beginnt ein Abenteuer, das ihren gewohnten Alltag durcheinanderbringt.
Auch hinter diesem Buch steht eine weitergetragene Erzählung. Preußler beschrieb, wie Geschichten seiner Großmutter Dora über eine weiße Frau zur Vorgeschichte des kleinen Gespensts wurden. Aus einem erinnerten Motiv entwickelte er später etwas Eigenes.
Wer das Buch erneut liest, kann deshalb auch über Geschichten aus der eigenen Familie nachdenken: Gab es eine geheimnisvolle Dachbodentür? Ein vermeintlich spukendes Haus? Eine Geschichte, die jemand immer besonders eindrucksvoll erzählen konnte?
Eine Frage fürs gemeinsame Lesen: Was würdest du zuerst anschauen, wenn du die Welt nur bei Nacht kennen würdest?
Wenn aus Zuhörern Vorlesende werden
Ein geliebtes Kinderbuch weiterzugeben kann sich sehr persönlich anfühlen. Du reichst einen Teil deiner eigenen Geschichte weiter. Das Gegenüber darf trotzdem einen anderen Zugang finden: Dein Lieblingsbuch muss nicht sofort das Lieblingsbuch deines Kindes oder Enkelkindes werden.
Vielleicht ist die Handlung gerade zu spannend. Vielleicht sprechen die Bilder nicht an. Vielleicht ist heute ein anderes Buch interessanter. Auch das gehört zu einer lebendigen Lesetradition: Die nächste Generation darf auswählen und neue Geschichten hinzufügen.
Ähnlich verhält es sich, wenn wir Lieder und Erinnerungen in der Familie weitergeben. Eine Melodie kann mit einer bestimmten Person verbunden sein; eine Geschichte ebenso. Beim gemeinsamen Singen oder Lesen kommt jeweils eine neue Erfahrung dazu.
Eine einfache Idee: Lege eine Karte in das Buch und notiere, wer es dir vorgelesen hat und an welche Stelle du dich besonders erinnerst. Später kann ein weiterer Name hinzukommen. So entsteht eine kleine Familiengeschichte rund um das Buch, ohne dass die Seiten selbst beschrieben werden müssen.
Otfried Preußler
So findet gemeinsames Vorlesen Platz im Alltag
Für einen Vorleseabend mit Otfried Preußler reichen ein ausgewähltes Buch und etwas gemeinsame Zeit. Diese Anregungen helfen beim Anfangen:
Gemeinsam aussuchen. Zeige zwei Bücher und lass dein Kind entscheiden. Ein vertrauter Titel kann ebenso passen wie eine Geschichte, die ihr beide noch nicht kennt.
Mit einem überschaubaren Abschnitt beginnen. Ein Kapitel oder ein paar Seiten genügen. Orientiert euch daran, wie lange ihr beide gern zuhört und lest.
Unterbrechungen zulassen. Eine Frage, eine Erinnerung oder das genaue Betrachten eines Bildes darf dazugehören. Ihr müsst die Geschichte nicht ohne Pause durchlesen.
Auf die Stimmung achten. Wird eine Szene zu unheimlich, sprecht darüber, macht eine Pause oder wählt etwas anderes. Deine Erinnerung an das Buch kann sich vom heutigen Erleben deines Kindes unterscheiden.
Eigene Erinnerungen anbieten. Erzähle gelegentlich, wer dir das Buch vorgelesen hat. Anschließend ist wieder Platz für das, was dein Kind darin entdeckt.
Ein guter Sitzplatz und ausreichend Licht machen es angenehm. Anregungen für einen eigenen Platz für Bücher und Geschichten findest du auch in unserem Beitrag über Roald Dahls Gartenhütte. Zuhause kann dafür schon eine freie Ecke neben dem Lieblingssessel reichen.
Und was ist mit Krabat?
Zu Otfried Preußlers Werk gehört auch der 1971 erschienene Roman Krabat. In einer geheimnisvollen Mühle lernt ein Junge neben dem Müllerhandwerk schwarze Magie. Die Geschichte führt in eine deutlich düsterere Welt und behandelt Macht, Abhängigkeit, Freundschaft und Widerstand.
Wer Preußler mit älteren Kindern oder Jugendlichen wiederentdecken möchte, kann hier einen anderen Zugang finden. Ob die Geschichte gerade passt, hängt vom jeweiligen Leser ab. Für die Auswahl lohnt sich ein Blick in das Buch und auf die Hinweise der konkreten Ausgabe.
Tag der Bibliotheken am 24. Oktober: Eine Gelegenheit zum Wiederlesen
Am Samstag, 24. Oktober 2026, ist Tag der Bibliotheken. Der bundesweite Aktionstag macht auf Bibliotheken und ihre Angebote aufmerksam. Preußlers Geburtstag wenige Tage zuvor ist ein passender Anlass, im örtlichen Katalog nach seinen Büchern zu suchen.
Vielleicht lässt sich ein früheres Lieblingsbuch ausleihen. Vielleicht entdeckt ihr beim Stöbern etwas ganz anderes. Prüfe vor einem Besuch die Öffnungszeiten, die Verfügbarkeit der gewünschten Bücher und das örtliche Veranstaltungsprogramm.
Otfried Preußlers Geschichten laden dazu ein, einen vertrauten Faden wieder aufzunehmen. Wer früher zugehört hat, kann heute selbst vorlesen. Wer die Bücher noch nicht kennt, kann sie gemeinsam mit jemandem zum ersten Mal entdecken.
Und vielleicht bleibt von diesem Abend später eine Erinnerung: an eine Stimme, eine überraschende Frage oder das gemeinsame Lachen über eine bestimmte Stelle.
Welches Preußler-Buch hast du als Kind geliebt – und später selbst vorgelesen? Schreib es uns in die Kommentare. Erzähle gern auch, wer dir damals vorgelesen hat und welche Figur dir besonders in Erinnerung geblieben ist.
Quellen und weiterführende Informationen
Die biografischen Angaben, Erscheinungsjahre und Hinweise zur Entstehung der Bücher beruhen auf der offiziellen Website zu Otfried Preußler. Die Gesprächsfragen und Anregungen zum Vorlesen sind redaktionelle Vorschläge.
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