Danke, Alice! Eine Hommage an Alice Schwarzer und die EMMA
Es gibt Zeitschriften, deren Abschied uns daran erinnert, wie viel sich in unserem eigenen Leben verändert hat. Die EMMA gehört dazu. Am 8. Dezember 2026 soll ihre letzte gedruckte Ausgabe erscheinen – wenige Wochen vor dem 50. Jahrestag ihrer Gründung. Für Heimatwurzel ist das ein Anlass, Alice Schwarzer und ihren Mitstreiterinnen Danke zu sagen: für Mut, Beharrlichkeit und die Überzeugung, dass jede Frau ihr Leben selbst gestalten dürfen soll.
Die Nachricht vom Ende der gedruckten EMMA macht wehmütig. Fast fünf Jahrzehnte sind eine lange gemeinsame Zeit: für die Frauen, die das Magazin gemacht haben, für seine Leserinnen und Leser und für ein Land, in dem über Gleichberechtigung heute anders gesprochen wird als 1977.
Zur Abschiedsnachricht gehört allerdings auch eine gute Nachricht: EMMAonline soll weiterleben. Das kündigt die Redaktion ausdrücklich an. Die gedruckte Zeitschrift verabschiedet sich; ihre Themen und ihre Geschichte bleiben zugänglich.
Eine Frau aus Wuppertal, die ihren eigenen Weg fand
Alice Schwarzer wurde am 3. Dezember 1942 in Wuppertal-Elberfeld geboren und wuchs bei ihren Großeltern auf. Ihr Weg führte über eine kaufmännische Ausbildung und Büroarbeit nach Paris und schließlich in den Journalismus. An der Aufnahmeprüfung einer Journalistenschule scheiterte sie zunächst. Sie wurde trotzdem Journalistin.
Gerade dieser kleine biografische Umweg verdient einen Moment Aufmerksamkeit. Wer heute auf ein so bekanntes Lebenswerk schaut, sieht leicht nur die fertige Persönlichkeit: die Autorin, die Herausgeberin, die Frau in der Fernsehdebatte. Dahinter steht auch eine junge Frau, die ihren Platz erst finden musste.
Ihre Lebensgeschichte kann deshalb auch Menschen ermutigen, die gerade vor einer verschlossenen Tür stehen. Ein misslungener Anfang entscheidet noch nicht darüber, was aus einer Begabung wird. Manchmal braucht es einen zweiten Weg – und den Eigensinn, ihn zu suchen.
1971 initiierte Schwarzer die bekannte Stern-Aktion „Wir haben abgetrieben!“. 1975 erschien ihr Buch „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“. Am 26. Januar 1977 kam schließlich die erste EMMA an den Kiosk. Aus journalistischer Arbeit und politischem Engagement war ein eigenes Magazin geworden.

Ein Heft, das Frauen ernst nahm
Eine Zeitschrift zu gründen bedeutet, an etwas zu glauben, das zunächst nur als Idee existiert. Man muss Texte schreiben, Menschen gewinnen, Rechnungen bezahlen und darauf vertrauen, dass irgendwo jemand auf genau diese Stimme wartet.
Die Idee der EMMA war klar: Die Erfahrungen von Frauen verdienen journalistische Aufmerksamkeit. Ihre Arbeit, ihre Wünsche, ihre Verletzungen und ihre Widersprüche gehören in die öffentliche Debatte.
Das klingt heute beinahe selbstverständlich. Doch gerade darin liegt ein Grund, zurückzublicken. Gesellschaftliche Veränderungen geraten leicht aus dem Blick, sobald wir uns an ihre Ergebnisse gewöhnt haben. Was einmal erstritten, ausgesprochen und gegen Widerstände veröffentlicht werden musste, gehört irgendwann zum normalen Gespräch.
EMMA beschäftigte sich mit Gewalt gegen Frauen und dem Missbrauch von Kindern, mit wirtschaftlicher Abhängigkeit, Körperbildern und Frauengesundheit. Das Magazin machte solche Erfahrungen zum Gegenstand von Recherche, Analyse und öffentlichem Streit.
Für Menschen, die sich mit einer schmerzhaften Erfahrung allein fühlen, kann schon deren ernsthafte Behandlung viel bedeuten. Ein sorgfältiger Artikel kann Worte liefern, die bislang gefehlt haben. Er kann Fragen ermöglichen. Und manchmal hilft er dabei, ein Gespräch überhaupt erst zu beginnen.
Was Gleichberechtigung mit Heimat zu tun hat
Bei Heimatwurzel erzählen wir vom Leben zu Hause, von Erinnerungen, überliefertem Wissen und den Menschen, die Gemeinschaft tragen. Dazu gehören die Lebensgeschichten unserer Mütter und Großmütter ebenso wie die Zukunft unserer Töchter und Enkelinnen.
Wer in der eigenen Familie nachfragt, entdeckt oft sehr unterschiedliche Erfahrungen. Welche Ausbildung konnte die Großmutter machen? Welche Arbeit hätte die Mutter gerne ausgeübt? Wer sorgte für die Kinder, wer pflegte Angehörige, wer verwaltete das Geld? Welche Entscheidungen waren frei getroffen, welche durch die Umstände vorgegeben?
Solche Fragen führen mitten in den Alltag. Sie betreffen den Bauernhof ebenso wie die Stadtwohnung, den Familienbetrieb ebenso wie das Büro. Auch unser Blick auf Frauen auf dem Land und ihren Beitrag zum Dorfleben beginnt damit, ihre Arbeit und ihre eigenen Vorstellungen sichtbar zu machen.
Die Frau, die einen Garten liebt, kann zugleich finanzielle Unabhängigkeit wichtig finden. Eine Mutter kann gern für ihre Familie sorgen und eine gerechtere Verteilung der Aufgaben wünschen. Eine junge Frau kann mit ihrer Heimat eng verbunden sein und dennoch einen Lebensweg wählen, den dort vor ihr niemand gegangen ist.
Eine Heimat, in der Menschen sich geborgen fühlen, braucht Raum für solche Entscheidungen. In diesem Sinn gehört auch die Geschichte der Frauenbewegung zu dem, was wir bewahren und weitererzählen sollten.
Fast fünf Jahrzehnte Beharrlichkeit
In ihrer Abschiedsbilanz nennt die Redaktion 398 Ausgaben einschließlich acht Sonderbänden und insgesamt 36.584 Seiten. Hinter diesen Zahlen steckt ein Arbeitsleben: Gespräche führen, nachfragen, recherchieren, formulieren, korrigieren und zum nächsten Erscheinungstermin wieder von vorn beginnen.
Bei einer bekannten Persönlichkeit erinnern wir uns oft an einzelne große Auftritte. Die tägliche Arbeit bleibt unsichtbarer. Dabei ist gerade sie bemerkenswert. Eine Überzeugung über Jahrzehnte hinweg in ein regelmäßig erscheinendes Magazin zu verwandeln, verlangt Ausdauer, Organisation und die Bereitschaft, Verantwortung zu tragen.
Auch die Eigenständigkeit der EMMA verdient Anerkennung. Das Magazin blieb in Schwarzers Hand und gehörte keinem großen Medienkonzern. Für eine journalistische Stimme, die eigene Schwerpunkte setzen wollte, war diese Unabhängigkeit ein wesentlicher Teil ihres Selbstverständnisses.
Eine solche publizistische Lebensleistung lässt sich würdigen, ohne jeder einzelnen Position zuzustimmen. Respekt und Widerspruch können nebeneinander bestehen. Gerade das macht eine erwachsene Auseinandersetzung möglich.
Alice Schwarzer hat starke Reaktionen ausgelöst, auch innerhalb der Frauenbewegung. Wer ihr widerspricht, darf das tun. Und wer ihr für ihre Arbeit danken möchte, darf diesen Dank ebenso deutlich aussprechen. Eine Hommage kann beides aushalten.
Unser Dank gilt auch den Frauen hinter dem Magazin
So eng die EMMA mit Alice Schwarzer verbunden ist: Ein Magazin entsteht durch die Arbeit vieler Menschen. Zum aktuellen Team gehören neben ihr Margitta Hösel, Anett Keller, Chantal Louis, Angelika Mallmann und Annika Ross. Gemeinsam haben sie den Abschiedstext der Redaktion unterzeichnet.
Eine Würdigung der EMMA gilt deshalb auch den Redakteurinnen und Mitarbeiterinnen, den Autorinnen, den Fotografinnen und allen weiteren Beteiligten über die Jahrzehnte. Sie haben recherchiert, organisiert, gestaltet und dafür gesorgt, dass aus einer Haltung ein lesbares Heft wurde.
Ebenso gehören die Leserinnen und Leser in diese Geschichte. Ein Magazin lebt davon, dass Menschen Zeit mit seinen Texten verbringen: zustimmend, nachdenklich, gelegentlich verärgert. Dass sie darüber sprechen, ein Heft weiterreichen oder eine Ausgabe aufheben.
Und die Geschichte der Gleichberechtigung reicht selbstverständlich weit über eine Redaktion hinaus. Sie wurde von vielen Frauen und Männern mitgestaltet – in Initiativen, Beratungsstellen, Betrieben, Familien, Politik und Wissenschaft. Die EMMA hat in dieser gemeinsamen Geschichte eine unverwechselbare Stimme eingebracht.

Auch beharrliche Menschen dürfen müde werden
Wirtschaftliche Gründe seien für die Einstellung nicht ausschlaggebend, erklärt Schwarzer. Nach ihren Angaben decken die Einnahmen weiterhin die Ausgaben. In der Pressemitteilung steht der Satz: Also gestattet: Jetzt sind wir ermattet.
Diese Worte berühren. Vielleicht gerade deshalb, weil die Öffentlichkeit von bekannten, durchsetzungsstarken Menschen so leicht erwartet, dass sie immer weitermachen.
Im gemeinsamen Abschiedstext erzählt das Team von sehr menschlichen Wünschen: Eine Kollegin möchte eine lange erträumte Weltreise unternehmen, eine andere mehr Freizeit mit ihrem Mann verbringen. Auch Alice Schwarzer könnte mehr Muße gebrauchen.
Es ist schön, diesen Wünschen Platz zu geben. Wer so lange gearbeitet, gestritten und Verantwortung getragen hat, darf Zeit für das eigene Leben beanspruchen. Für einen freien Vormittag. Für einen Besuch, der sich nicht zwischen zwei Termine drängen muss. Für eine Reise, die bisher immer warten konnte.
Vielleicht ist auch darin etwas von jener Selbstbestimmung zu erkennen, für die Schwarzer eingetreten ist: selbst entscheiden zu dürfen, wann ein großer Abschnitt abgeschlossen ist.
Die letzte Ausgabe – und das, was weiterlebt
Die für den 8. Dezember 2026 angekündigte Abschiedsausgabe soll den doppelten Umfang haben und auf 50 wichtige Themen zurückblicken. Sie ist als Jubiläumsausgabe zum bevorstehenden 50. Geburtstag der EMMA gedacht.
Für langjährige Leserinnen und Leser dürfte sie Gelegenheit zum Wiedererkennen bieten. Für jüngere Menschen kann sie eine Einladung sein, Fragen an eine Zeit zu stellen, die sie selbst nicht erlebt haben.
Auch die historische Arbeit soll weitergehen. Nach Ankündigung der Redaktion wird das EMMA-Redaktionsarchiv in den Bestand des Deutschen Literaturarchivs Marbach aufgenommen und soll dort ab 2029 für Interessierte und Forschung zugänglich sein. Viele ältere Hefte lassen sich bereits im digitalen EMMA-Lesesaal durchblättern.
Archive bewahren dabei weit mehr als gedruckte Ergebnisse. In Briefen, Unterlagen und Entwürfen wird nachvollziehbar, wie Gedanken entstanden sind und wie Menschen miteinander gearbeitet haben. So bleibt ein Lebenswerk auch für diejenigen befragbar, die erst viel später darauf stoßen.
Danke, Alice. Und danke, EMMA.
Eine schöne Art, diesen Abschied zu begleiten, wäre ein Gespräch zwischen den Generationen. Vielleicht mit einer Mutter, einer Großmutter, einer Tochter oder einer Freundin: Was hat sich für dich verändert? Wofür musstest du kämpfen? Was wünschst du dir für die Frauen, die nach dir kommen?
Man muss dafür keine berühmte Lebensgeschichte haben. Auch in den leisen Erinnerungen einer Familie steckt Zeitgeschichte. Sie verdient es, gehört zu werden.
Bei Heimatwurzel möchten wir Alice Schwarzer und dem EMMA-Team für ihren Anteil an dieser Geschichte danken. Für die Bereitschaft, schwierige Themen anzusprechen. Für die journalistische Arbeit hinter den großen Debatten. Für die Ausdauer, einer Überzeugung über so viele Jahre eine eigene Zeitschrift zu geben.
Liebe Alice Schwarzer, wir wünschen Ihnen und Ihren Mitstreiterinnen Zeit für all das, was neben dieser großen Aufgabe warten musste. Zeit für Menschen, die Ihnen nahestehen. Zeit für Neugier, Freude und neue Gedanken.
Und das gute Gefühl, auf die geleistete Arbeit schauen und sagen zu dürfen: Das war unser Beitrag. Er bleibt.
Quellen und weiterführende Informationen
Redaktionsstand: 21. Oktober 2026. Die Angaben zum Ende der Printausgabe und zur geplanten Fortführung beruhen auf den Mitteilungen der EMMA-Redaktion. Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Würdigung.
- EMMA: „Pressemitteilung: EMMA geht“, 21. Oktober 2026 – Erscheinungstermine, Bilanz, Begründung und angekündigte Archivübergabe.
- EMMA: „Wir sind stolz auf EMMA!“, 21. Oktober 2026 – gemeinsamer Abschiedstext des Teams und angekündigte Fortführung von EMMAonline.
- Stiftung Haus der Geschichte: LeMO-Biografie Alice Schwarzer – Herkunft, beruflicher Weg und historische Stationen.
- Digitaler EMMA-Lesesaal – ältere Ausgaben zum Nachlesen.

Hobbykoch, Gartenliebhaber und Autor